Interview
Thomas Luding
Thomas, was treibt dich an, Lebensorte für Kinder und Jugendliche zu schaffen?
Es gibt verschiedene Motivationen. Die eine ist persönlich. Als ich begonnen habe, wollte ich Lebensorte schaffen, an denen ich meine eigenen Kinder mit gutem Gefühl und voller innerer Überzeugung hätte leben lassen. Für mich ist das mehr als Arbeit – es ist eine Berufung. Lebensorte zu gestalten, Entwicklung zu ermöglichen und Beziehungen zu stärken entspricht zutiefst dem, was ich tun möchte.
Und ja, ich wünsche mir auch, damit einen Beitrag zu leisten, die Welt ein Stück besser zu machen.
In der Gesamtheit macht das für mich Sinn. Es ist etwas, für das ich brenne. Es sind Gedanken, mit denen ich einschlafe und mit denen ich wieder aufstehe. Und ich freue mich auf jeden Tag, an dem ich das tun darf.
Wofür sollen unsere Lebensorte stehen?
Für Sicherheit. Für Beziehung. Für Würde. Unsere Lebensorte sollen sichere Häfen sein. Orte, an denen Beziehung gestaltet wird. Orte, an denen Kinder und Jugendliche gesehen und würdevoll behandelt werden. Und dazu gehören für uns immer auch die Eltern. Wir verstehen unsere Arbeit nicht losgelöst von den Familien. Eltern bleiben Eltern – mit ihrer Geschichte, ihren Stärken und ihren Herausforderungen. Auch ihnen begegnen wir respektvoll und neugierig.
Wir geben einen stabilen und verlässlichen Rahmen. Einen Rahmen, der Halt gibt – und gleichzeitig Entwicklung ermöglicht.
Manchmal braucht ein Kind Motivation.
Manchmal braucht es Raum.
Manchmal braucht es Erinnerung, Orientierung oder klare Führung.
Und oft braucht es eine tragfähige Zusammenarbeit mit den Eltern.
Entscheidend ist das Fingerspitzengefühl – je nach Situation, je nach Kind und je nach Familiensystem. Wir treffen Entscheidungen mit den Kindern – nie über sie. Und wir arbeiten mit Eltern – nicht gegen sie. Wenn Beziehung trägt, entsteht Entwicklung. Und genau dafür stehen unsere Lebensorte.
Du sprichst häufig von Würde. Was bedeutet das konkret in deiner Arbeit?
Würde ist unverlierbar. Ein Mensch kann sich in einem Moment falsch oder verletzend verhalten. Aber er verliert dadurch nicht seine Würde. Sie ist nicht abhängig von Leistung, Anpassung oder Übergriff. Weil wir Menschen sind, haben wir Würde – unabhängig von dem, was wir tun oder erleben.
Gerade in der Jugendhilfe – besonders in der Arbeit mit Eltern – müssen wir uns das immer wieder bewusst machen. Und eigentlich auch gesamtgesellschaftlich. Würde kann man nicht verlieren. Sie steht nicht zur Verhandlung.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ ist für mich deshalb keine bloße Beschreibung, sondern eine Aufforderung. Eine tägliche Verpflichtung im Umgang mit Kindern, Eltern und Mitarbeitenden.
Wenn du heute auf Erziehung schaust – was ist für dich das Wesentliche?
Erziehung ist ein Prozess. Sie ist die gemeinsame Zeit miteinander. Und in dieser Zeit trägt sie ihr Ziel bereits in sich.
Wenn man überhaupt von Erziehungszielen sprechen möchte, dann sind sie für mich eher grundlegend:
- dass Kinder sich gesund entwickeln – geistig, körperlich und seelisch,
- dass sie später glücklich sein können,
- dass sie sich selbst reflektieren lernen,
- dass sie durch Bildung gesellschaftliche Teilhabe erfahren,
- dass sie mit sich allein sein können und zugleich in Gruppen und Beziehungen gut und verantwortungsvoll handeln.
Entwicklung entsteht nicht durch permanente Steuerung, sondern im gemeinsamen Leben. Kinder wachsen an ihren Eltern – und Eltern an ihren Kindern. Wenn diese Zeit als wertvoll erlebt wird, entsteht Wachstum fast selbstverständlich.
Und genau das gilt auch für unsere Lebensorte. Wenn Mitarbeitende sich auf die Kinder und auf die gemeinsame Zeit freuen, dann entsteht Entwicklung für alle Beteiligten.
Du sagst: Was für Kinder gilt, gilt auch für Mitarbeitende. Was meinst du damit?
Um unseren Kindern in den Lebensorten Wertschätzung und Freiraum zu geben, brauchen Mitarbeitende genau das Gleiche.
Wer Kindern Sicherheit, Respekt und Entwicklung ermöglichen will, muss diese Kultur selbst erleben. Eine gute pädagogische Haltung beginnt nicht bei Konzepten, sondern bei den Menschen, die sie tragen.
Mitarbeitende müssen sich sicher fühlen dürfen. Sie müssen Kritik äußern können, sich beschweren dürfen und sich entwickeln dürfen. Sie brauchen Vertrauen, Klarheit und einen Rahmen, in dem sie Verantwortung übernehmen können.
Nur wenn wir uns gegenseitig würdevoll behandeln, entsteht echtes Vertrauen. Und nur so gelingt es, die gemeinsame Zeit gut zu gestalten und Verantwortung wirklich miteinander zu tragen.
Was tust du persönlich, wenn es dir selbst nicht gut geht?
Ich erinnere mich daran, dass ich nicht meine Gedanken bin.
Gedanken können in belastenden Zeiten sehr laut sein. Aber sie sind vorübergehend. Das Leben unterliegt einer Polarität. Auf schwere Zeiten folgen wieder leichtere. Manchmal verliert man das Glück aus dem Blick – aber es verschwindet nicht dauerhaft.
Und ganz ehrlich: Ich lenke mich auch ab. Ich treffe Freunde, gehe meinen Hobbys nach, mache Sport. Manchmal hilft einfach die Zeit. Ich bin sehr dankbar für die Menschen an meiner Seite. Für Beziehungen. Diese Dankbarkeit und diese Demut geben mir Kraft. Und bei aller Unsicherheit habe ich gelernt, an mich selbst zu glauben – nicht im Sinne von Ego, sondern im Vertrauen darauf, dass das, was in mir ist, in Ordnung ist.
Was brauchen Kinder heute besonders?
Innere Sicherheit – und eine klare Perspektive nach vorn.
Diese entsteht durch verlässliche, kontinuierliche und liebevolle Beziehungen. Durch Menschen, die bleiben. Die Orientierung geben. Die Halt bieten.
Genau das wollen wir in unseren Lebensorten ermöglichen: Beziehung als verlässlichen Rahmen, in dem Entwicklung wachsen kann. Damit Kinder später ein selbstständiges, glückliches und eigenbestimmtes Leben führen können.
Kibulu hat sich in den letzten Jahren gut entwickelt. Deine Kolleginnen und Kollegen haben für dich einen großen Stellenwert. Magst du ein paar Worte darüber sagen?
Meine Kolleginnen und Kollegen haben für mich den größten Stellenwert. Ohne sie hätte sich Kibulu nicht so entwickeln können. Keine Stabilität, keine neuen Lebensorte, keine Qualität im Alltag.
Die eigentliche Arbeit passiert nicht in Leitungsrunden. Sie passiert in Nachtdiensten, in Krisen, in Gesprächen, in Geduld, im Aushalten – und auch im gemeinsamen Lachen. Dort entsteht Beziehung. Dort entsteht Vertrauen. Dort wird Haltung gelebt.
Ich kann Rahmen setzen und Orientierung geben. Aber das, was Kibulu wirklich trägt, sind die Menschen, die hier jeden Tag Verantwortung übernehmen. Und dafür empfinde ich große Dankbarkeit und großen Respekt.
Was wünschst du dir für die Zukunft von Kibulu?
Ich wünsche mir, dass Kibulu sich aus sich selbst heraus weiterentwickelt – getragen von den Menschen, die hier arbeiten und immer ausgerichtet an den Bedarfen von Kindern und Familien. Wenn Entwicklung von innen kommt, trägt sie.

Über Kibulu
Seit 2007 gestalten wir Jugendhilfe mit Herz, Haltung und echter Nähe. Was uns antreibt: Perspektiven schaffen, die wirklich tragen.

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